Interregnum im Gespräch mit Radek Kopel (Gegenstände/Geräte & Chef des Labels Napal-Med) gesendet am 23. Juli 2002 ======================================== Radek, neben der Band NAPALMED gibt es das Label und auch den Vertrieb gleichen Namens. Erzähl unseren Hörern etwas darüber und über Deine Veröffentlichungen. ---------- Nun, wir sind Napal-Med, ein kleines Plattenlabel, da wir inoffiziell sind. Es ist sehr schwer diese Aktivitäten auf offiziellem Wege durchzuführen. Unsere Veröffentlichungen sind seit meinem Beginn eine Compilation CD, die "Unnormal Silencer" heißt. Bis zum heutigen Tage veröffentlichte ich fünf Ausgaben dieser Compilation, die nur Industrial Noise und experimentelle Klänge beinhaltet. Keine Musik, keinen Metal, keinen Grindcore. Wieviele hast Du insgesamt veröffentlicht? ---------- Vor drei Monaten kam die fünfte Ausgabe der Compilation. Neben dem Label veröffentliche ich einige Split 7 Inches Platten. Aber alle davon sind nicht über Napal-Med erschienen. Sie kamen über verschiedene Label heraus. Wir kennen jetzt die Band NAPALMED, wir kennen das Schaffen von Corrupting Harmony, wir spielten sie in unserer Sendung. Gibt es da noch mehr Bands bei Deinem Label? ---------- Wir veröffentlichten Corrupting Harmony nicht, es wurde nur durch uns vertrieben. Der Vertrieb ist noch eine andere Aktivität, der ich nachgehe und wir haben diese Tapes nur vertrieben. Wie hoch ist die Auflage einer CD auf Deinem Label pro Veröffentlichung? ---------- Von jeder Compilations-CD veröffentlichten wir fünfhundert Kopien. Das ist genug, denke ich. In erster Linie wegen des Geldes, das ich in die Veröffentlichung stecken kann, um sie zu verkaufen und um in die ganze Welt zu verschicken. Ich denke es ist genug, fünfhundert Kopien davon zu machen. Du sprachest davon, daß Dein Label inoffiziell sei. Was bedeutet das? Wo ist der Unterschied zwischen offiziell und inoffiziell? ---------- Inoffiziell bedeutet für mich, daß ich alles selbst mache. Die zweite Sache ist, daß ich nicht so viel Geld in die Sache stecke, daß ich Gewinn einfahren könnte. Ich bekomme zwar etwas hinein, aber die Veröffentlichungen sind mehr ein Statement. Das ist der Underground-Weg. Alles selbst zu machen. Wie kamst Du auf die Idee, das Label zu starten? Dieser inoffizielle Weg ist sicher mit viel Aufwand und Problemen verbunden. Wie konntest Du es letztendlich realisieren? ---------- Als erstes gründete ich eine Band, eben NAPALMED. Dann mußten wir unsere Aufnahmen vertreiben. So wuchs dieses inoffizielle Label nach und nach. Ich habe alles selbst gemacht. Ich denke es ist keine verrückte Idee, etwas zu veröffentlichen, denn es geht Seite an Seite mit der Band. So brachte ich in Eigenregie einige Tapes in geringer Auflage heraus. Etwa 20 bis 40 pro Release. Als immer mehr Leute merkten, daß es NAPALMED gibt, brauchte ich mehr Kopien. So begann ich mit 100 Stück 7 Inch Platten und dachte, es sei besser auch andere Bands in aller Welt, mit denen ich in Kontakt stand, zu fragen, ob sie nicht an einer Compilation interessiert seien. Das ist für micht der einfachste Weg. Wie viel Deiner Zeit widmest Du dem Label, Zeit die Du ja auch vor dem Fernseher, mit Bier trinken und vögeln verbringen könntest. Wieviele Stunden am Tag arbeitest Du für das Label? ---------- Hauptsächlich arbeite ich in einem normalen Beruf und den Rest des Tages verbringe ich mit dem Vertrieb und der Kommunikation mit Brieffreunden oder anderen Vertrieben. Der Rest des Tages geht dafür drauf. Also fünf bis sechs Stunden pro Tag. Und dann bleiben Dir noch drei Stunden pro Nacht zum schlafen, oder? ---------- Ich versuche, so viel wie möglich zu schlafen. Ist es so, daß Du immer nur eigene Energie aufwendest, oder bekommst Du genug Resonanz von den Leuten, deren Zuspruch Dich vorantreibt? ---------- Die Energie kommt von den Leuten zurück, die bei mir CDs oder die Compilation bestellen. Oder wenn jemand eine gute Review über meine Arbeit schreibt oder über unsere Veröffentlichungen und unseren Krach. Das ist die Energie, die ich zurückbekomme. Woher rührt Deine Faszination dafür, unmusikalischen Krach zu hören, und vieviele Minuten oder Stunden kannst Du Dir das Zeug anhören, bevor Du wahnsinnig wirst? ---------- Ich begann damit, Hardrock und Metal zu hören, und ich versuchte immer mehr Energie und Kraft in der Musik zu finden. Das hatte das harte Zeug zweifelsohne - aber nicht genug für mich. So sah ich mich nach anderen Stilistiken um und stieß auf die Einstürzenden Neubauten, eine Industrial-Legende aus Deutschland. Dann stieß ich auf die japanische Szene voll Noise und Power Elektronik und so begann ich, diese Art von Stilen zu hören. Diese Stile geben mir mehr Abstraktheit und Freiheit beim Hören. Es sind nicht die musikalischen Bereiche, die allen Leuten bekannt sind. Wo ist der Unterschied zwischen schlechten und guten Noisebands? ---------- Ich weiß nicht. Es kommt darauf an, ob ich sie mag oder nicht. Nicht mehr. Welches ist Dein Lieblingsgeräusch? Eher das eines kaputten Kühlschranks oder das, was man beim Zerstören eines Autos hört, vielleicht die Klänge beim schlachten eines Schweins? ---------- Alles was Krach oder Lärm für den normalen Hörer ist. In meiner Band versuche ich die Geräusche, die Du nanntest, selbst zu machen mit einem Haufen Metall und zerstörter Elektronik. Vielleicht auch mit Instrumenten, aber ich spiele sie nicht im herkömmlichen Sinne. Zum Beispiel zerstöre ich Gitarren und versuche so, neue Klänge aus ihnen zu entlocken. In Deutschland gibt es eine Band mit dem Namen Tschetnick Section Mainz, schon mal was von ihnen gehört? ---------- Noch nie gehört. Und Cripple Christ? ---------- Nein. Die Typen sind vollkommen wahnsinnig. Bei Cripple Christ beginnt auch bei Konzerten jeder Song mit einem Radio auf Sendersuche für etwa zwei Minuten, und der Bassist und der Gitarrist machen dann hirnrissige Geräusche mit ihren Instrumenten, und dazu geben sie irgendwelche kranken Vocal-Verrenkungen von sich. Dabei kommen sie komplett ohne Harmonien aus. Nur der pure Noise. Und nach zehn Minuten hast Du die barbarischsten Kopfschmerzen Deines Lebens. Allerdings spielen sie mindestens fünfzig Minuten. Wäre das was für Dich? ---------- Das ist was für mich. Aber nur ein Teil davon. Denn es ist noch immer Musik. Denn sie spielen noch Instrumente, sie versuchen nur, Noise zu machen. Aber da sie Musiker sind - und das sind die meisten von ihnen in den Noisecore-Gruppen - enthält das Ganze immer noch Teile von typischer Musik. Es gibt immer noch Harmonien. Vielleicht sind sie chaotisch, aber sie machen immer noch Musik. Mein Weg des Noise ist total abstrakt. Also nicht nur das Radio anmachen und die Sender rauf und runter suchen, sondern verschiedene Sounds zu finden. Vielleicht auch auf Gitarren, aber die Gitarre muß dabei mindestens zerstört werden. Denn meines Erachtens nach kannst Du auf einer Gitarre keinen Noise spielen oder Sounds finden. Wie reagieren die normalen Leute auf Dich, wenn sie erfahren, daß Du diesen Krach hörst, machst und sogar vertreibst? Läufst Du Gefahr ins Gefängniss gesperrt zu werden oder gar ins Irrenhaus? ---------- Bis jetzt noch nicht. Sie akzeptieren es? ---------- Ich denke sie kaufen einige Platten von mir und lernen den Industrial Noise mehr und mehr kennen. Sie hören es sich an und finden vielleicht heraus, was ich fühle, wenn ich mir soetwas anhöre. Ich meine nicht den normalen Metalfan, sondern die Menschen auf der Straße. Den Arbeiter, die alten Leute, die Mütter ... Otto Normalverbraucher halt. Wie reagieren sie, wenn Du mit Deinem Auto die Straßen lang fährst und Du Dir bei geöffnetem Fenster und aufgerissener Lautstärke die volle Noisecore-Breitseite gibst? Drehen sie sich um und sagen:"Der Typ ist doch wahnsinnig!"? ---------- Die meisten Musiker und Menschen, nach denen Du fragtest, glauben, daß ich verrückt bin. Das ist kein Problem für mich. Ich mag den Sound und ich mag die Musik, wenn ich sie so nennen kann. Ich mag den Noise. Es ist alles für mich. Ich mag die abstrakte Kunst, Bilder und Kollagen, und es ist für mich kein Problem, daß auch in der Musik zu genießen. Wenn Du Dir die Grindcore-Szene ansiehst, gibt es dort zwei Lager. Zum einen das Splatterlager mit abgeschlagenen Köpfen und rausgerissenen Eingeweiden und zum anderen das Pornolager, das sich mit Sex mit Tieren oder Sex mit Möbelstücken beschäftigt. Oder mit Kindern, Vögeln, Gemüse was weiß ich. Welches Lager bevorzugst Du? ---------- Als erstes mag ich die Musik. Ich habe einen breitgefächerten Musikgeschmack - wie ich bereits sagte: Rock, klassische Musik, Jazz. Als erstes zählt für mich nicht die Botschaft oder etwas in der Art, ich brauche Klänge und Musik. Ich höre die Stimmen als seien sie Instrumente. Die Texte und ihre Botschaft sind nicht wichtig für mich. Aber ich denke, es ist gut, wenn sich das Ganze um Serienmörder und solche Sachen dreht. Wird man in der Tschechei gesignt, wenn man Noisecore spielt? ---------- Nein, es ist hauptsächlich die Metal- und ein bißchen auch die Grindcore-Szene. Aber ich versuche, die Leute etwas von unserer Existenz mitbekommen zu lassen. Das ist mein Hauptanliegen.